STADT AM DRAHT

Ein Computer-Club als eine MailBox als Kommunikationslabor- Die Künstlergruppe Art d'Ameublement möbelt die High-Tech-Welt post-avantgardistisch auf. Wir setzen uns zu den Bionicern ins gemachte Netz.

Eigentlich sind die beiden KünstIer, und eigentlich heißen padeluun und Rena Tangens (alfabetisch sortiert) auch ganz anders. Aber in Wirklichkeit sind sie ein Kunstwerk und leben und arbeiten in ihrer eigenen Dauerausstellung Art d'Ameublement (Marktstr. 18), die im Büro-Teil mit mehreren Computern Und im Hinterzimmer mit einem Ratten-Käfig möbliert ist. Nichts von den sichtbaren Teilen ist selbstentworfen. Sie sind auch überhaupt keine Möbel-Designer, aber sie bauen die Anfragen von Leuten, die auf das schnelle Namens-Mißverständnis setzen, gerne in ihr Langzeit-Projekt der Kunst-Forschung ein.

Das fing vor sieben Jahren im Schnittpunkt der Punk- und der Performance-Bewegung an, und ist inwzischen soweit gediehen, daß Art d'Ameublement eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen das Fernmeldegesetz vorbereitet.

Dazwischen lagen so spektakuläre Aktionen wie die 14 Stunden dauernde Aufführung von Eric Saties "Vexations" für einen Flügel oder die endgültige šberschreitung der Grenzen zwischen Kunst und Leben und Berichterstattung beim "Aufbruch". (...)

Nebenbei und drumherum gründete sich der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (e.V.), der sich den "kreativ-kritischen Umgang mit der Kommunikationstechnik" in die Satzung geschrieben hat, weil das Finanzamt "Hacken" nicht für gemeinnützig hielt.

Das Künstlerpaar und der Computerclub sind ohnehin mehr am Aufbau einer flexiblen und leicht zugänglichen Struktur für beliebige Kommunikationsbedürfnisse interessiert. Inhaltliche Einflußnahme auf die über ihre Computer laufenden Verständigungsmaßnahmen liegt ihnen fern. Weshalb sie auch die erste datengeschützte MailBox betreiben. Was ist das?

Eine MailBox ist ein elektronischer Briefkasten bzw. eine ganze Batterie computerisierter Schwarzer Bretter. Mit relativ billigen Geräten (Modem/Akustikkoppler) läßt sich jeder Computer, gleich an die Box anschließen' In der liegen dann in mehreren Hundert -Brettern- ™ffentlich zugängliche Informationen (vom simplen Tratsch über Hobby-Filmkritiken bis zu Diskussionsforen zu diesem und Jenem) in die jeder Benutzer selbst seine Kommentare hineinschreiben kann. Im privaten Teil lassen sich persönliche Nachrichten für andere MailBoxer hinterlegen, die seit kurzem so geschickt elektronisch verschlüsselt werden, daß nicht mal die MailBox-Betreiber lesen können, was sie nichts angeht.

Als neuesten Service liefert die MailBox BIONIC im Regionalteil ab sofort auch den ULTIMO-Tageskalender. Damit die Leute, die kein gedrucktes Exemplar mehr mitbekommen haben, trotzdem auf dem Laufenden sind. Und ein zusätzliches Brett für wartet auf die Reaktionen der angeschlossenen Benutzer. Das sind zur Zeit runde 300. Mit steigender Tendenz.

Bundesweit hängen im Augenblick etwa 30000 Leute per Computer am von Bielefeld ans gewarteten Zerberus-Netzwerk. zu dem sich an die 200 MailBox-Betreiber zusammengeschaltet haben. Diese Boxen tauschen ihre Bretter automatisch übernacht zum billigsten Telefontarif aus, leiten so Privatbriefe preiswert in die richtige Lokal-Box und ermöglichen so eine ebenso zeitlich wie räumlich entkoppelte Kommunikation. Das tut zwar auch die Briefpost, aber die ist teurer und langsamer. Und staatlich. Die BIONIC-Betreiber von Art dAmeublement und FoeBud sind dagegen an der privaten Struktur ihrer Quasselbude interessiert, an der Freiheit und der Geschwindigkeit des Austauschs. Und an der Offenheit.

Denn das ganze ist ja immer noch Teil eines Kunst-Konzeptes, das unter anderem gerade darin besteht, einen Rahmen zu schaffen in dem sich alles mögliche abspielen kann, was nicht von selbst schon nach Kunst aussieht. Eine Art virtueller Salon der elektronischen Aufklärung? Mit einer angeschlossenen Krabbelstube für Brainstorm-Neuliinge?

padeluun grinst und Rena wackelt mit dem Kopf. Zum Gespräch über Art d'Ameublement sind die beiden nämlich live erschienen. Denn natürlich ist die Computer-Kommunikation nur eine Art, sich in der Informations-Gesellschaft einzurichten. Und das Daten-Netzwerk funktioniert auch nur zusätzlich zum sozialen Netzwerk. Die Stadt am Draht macht ihnen nur Sinn, wenn ihre Benutzer in erster Linie selbst auf Draht sind. Es geht ihnen eben nicht um die schlichte Technisierung des Gedankenaustauschs, die bloße Faszination des Machbaren: Ts gibt bestimmte Kommunikations-Bedürrnisse, die sich über Cornputer und MailBox besser befriedigen lassen, als per Telefon, Brief oder Live. Und es gibt viele andere.

Sagt padeluun und geht, um einen Programmierer zu treffen, der noch einen Fehler aus der MailBox-Software fummeln soll. Die Ameublement-Artisten selbst sind zwar die Avantgarde der Computer-Szene, halten sich selbst aber nicht für bemerkenswerte Programmierer. Sie spielen lieber Software-Firma, schon wieder ein neues Kunst-Projekt, und vertreiben das BIONIC-MailBox-Programm in der neuesten Version weltweit.

WING

Ultimo, Februar 1991