Die Radkappe als Untertasse

Von Alexandra Jacobson

Rudolf Henke Rudolf Henke präsentiert ein Kinderspielzeug, das einst in einer geschickten Fotomontage als eindeutiger Ufo-Beweis für Aufsehen Z sorgte. Ufos sind in. Überhaupt hat das Paranormale Hochkonjunktur. In Talkshows treten sich Leute gegenseitig auf die Füße, die von unheimlichen Begegnungen mit Außerirdischen erzählen können. Vot kurzem wurde sogar Kommissarin Lea Odenthal, sonst eher eine skeptische Natur, in einer Tatort-Episode Zeugin eines extraterrestrischen Raumschiffs, das urplötzlich am nächtlichen Himmel auftauchte.

Sogenannte Ufologen gibt es viele, aber es existieren auch Zeitgenossen, die sich kritisch mit der Lust auf Untertassen auseinandersetzen. Die sind allerdings im Fernsehen wenig präsent, was im Fall von Rudolf Henke nichts damit zu tun hat, daß dieser Biologe aus Heidelberg publikumsscheu wäre. Lächelnd nennt Henke sich selbst der "meistausgeladenste Talkshowgast in Deutschland". Viermal schon wurde er von TV-Anstalten kurz vor der Sendung wieder ausgeladen, beim Heißen Stuhl (RTL), bei Einspruch (SAT.1.), Hans Meiser (RTL) oder bei Fliege (ARD). Dabei kann Henke ganz wunderbar über Ufos plaudern. Im Bielefelder Bunker Ulmenwall unterhielt er sein Publikurn drei Stunden lang. Aber Henke bestätigt nicht die quotenträchtigen Sensationsberichte über kleine grüne Männchen von anderen Sternen, die nichts anderes zu tun haben, als laufend mit ihren Fahrzeugen in die Erdatmosphäre zu plumpsen.

Unbekannte Flugobjekte

Henke ist Skeptiker und Fachbereichsleiter "Ufos" der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Diese deutsche Abteilung hat sich wie alle anderen weltweit existierenden Gruppen der Skeptikerbewegung zum Ziel gesetzt, paranormale, also übersinnliche Phänomene, auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin abzuklopfen. In Bielefeld durfte Henke auf Einladung des Computervereins FoeBud reden - und siehe da, die Untertassenphänomene lösten sich in Wohlgefallen aus. Der Begriff Ufos habe mit außerirdischen Raumschiffen an sich gar nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um unbekannte oder unidentifizierte Flugobjekte. "Man muß die, Leute ernstnehmen", sagt der Experte, "die etwas merkwürdiges am Himmel gesehen haben". Aber am Himmel tummelt sich vieles. Zum Beispiel gibt es ja seit neuestem allerorten Disco-Schweinwerfer, di ihre Laserstrahlen nach oben schicken. Unter gewissen \/Vetterbedingungen werden diese von Wolken reflektie rt - und dann klingelt es wieder in Redaktionen oder bei der Feuerwehr Sturm, weil mehrere Menschen wieder mal ganz bestimmt Untertassen erspäht haben. Vieles kommt manchen Leuten höchst seltsam und völlig unerklärlich vor, wobei es sich im Grunde aber um total irdische Dinge handelt. Selbst wenn das furchtbar desillusionierend klingt: Als Untertassen gelten zum Beispiel Solarzeppeline, Stratosphärenballons, Modellheißluft- oder Radarreflektorballons (letzterer stürtzte 1947 bei Roswell in der Wüste von New Mexico ab und begründete den schon legendären RoswellMythos). Aber auch Gesteinsbrocken, stinknormale Meteoriten also, werden immer wieder für Raumfahrzeuge gehalten. Diese Irrtümer geschehen nicht nur 'Lieschen Müller. Auch der amerikanische Präsident Jimmy Carter war sich einst absolut sicher, ein besonders helles Signal von einer fremden Welt entdeckt zu haben. Amerikanische Wissenschaftler waren anderer Ansicht. Sie identifizierten das Cartersche Ufo eindeutig als die Venus.

"Sensation" und "Beweis"

Schindluder treiben häufig sogenannte Ufo-Forscher, die Fotos präsentieren. Denn solche Fotos lassen sich leicht herstellen, nicht nur per Computer. Kollegen von Henke haben mal nachts eine Radkappe en Himme ge chleudert, diese mit iner Taschenlampe angestrahlt und as mit einer hundsmiserablen Kamera aufgenommen - Ufologen eierten das Foto als "Sensation" und "Beweis". Henke, der seine Erkenntnisse locker und ohne dogmatische Attitüde ausbreitet, bleibt in jeder Hinsicht Skeptiker. Daß es ein außerirdisches ,Raumschiff gar nicht geben könne, will er nicht behaupten. "Aber bisher habe ich noch keins gesehen".

In die hinterste Reihe

Bedenklich findet Henke allerdings, daß die Medien und hier vor allem das Fernsehen ("das öffentlich-rechtliche macht da keine Ausnahme") die Ufologen-Kritiker immer stärker in die hinterste Reihe verbannt. Das liegt zum einen am ständigen Schielen nach Einschaltquoten, zum anderen aber auch daran, daß mancher hartgesottene Ufo-Verteidiger sofort absagt, sobald auch ein Kritiker geladen ist. Nach zwei Sendungen habe etwa Johannes von Buttlar kategorisch erklärt, nie wieder mit Henke vor die Kamera treten zu wollen. Das steckt der eingefleischte Skeptiker mit einem süffisanten und leicht stolzen Lächeln weg.

Wer sich einmal aus skeptischer Sicht mit Ufos beschäftigen möchte, seien drei Bücher empfohlen:

Neue Westfälische, 08. Februar 1997