[Chaos-Knoten]12. Chaos Communication Congress '95


Stand: 18.12.1995

Leitfaden für die Chaos-Reporter

Martin Virtel


Hallo Chaosreporterin! Hallo Chaosreporter!

Du willst beim CCCongress in der Pressestelle mitarbeiten -- also gut. Willkommen im Irrenhaus.

Es folgt:

  1. Einführung
  2. Recherchetips
  3. Schreibtips I
  4. Schreibtips II
  5. Organisatorisches

I. Einführung

"Was soll das alles?"

Für die, die letztes Jahr nicht dabeiwaren - Die Pressestellen-Leute bekommen oft den Eindruck, sie seien ein einsamer Stamm arbeitsamer Menschen in einem Meer von lauter Idioten. Dieser Eindruck ist völlig normal und wird mit der Zeit eher stärker. Wir arbeiten morgens, wenn sich die anderen den Schlaf in ihre Kaffeetassen reiben, laufen mittags zu panischer Betriebsamkeit auf, nur um abends immer noch vor unseren Textbildschirmen zu hocken, während die normalen Menschen ringsum bereits ihr zwölftes Descent-Leben verzocken.

Normal ist das nicht, aber letztes Jahr hatten doch eine Menge von uns noch ihren Spaß dabei. Die Pressestelle ist fast der einzige Ort, an dem Ihr Eure Kreativität ausleben und hinterher noch etwas mit nach Hause nehmen könnt.

Im Folgenden gibt's eine kleine Einführung in die Pressestelle und eine Einführung ins Recherchieren und Texte schreiben. Zuerst das letztere.


II. Recherchetips

"Ich hab' da mal eine Frage!"

Unsere Arbeit ist es, die wichtigsten Veranstaltungen auf dem CCCongress so festzuhalten, daß man "im Prinzip nicht dabeigewesen sein muß" - nicht fehlen dürfen in Euren Artikeln also: Eine gute Idee ist es auf jeden Fall, nach der Veranstaltung noch mal ein kurzes Schwätzchen mit dem Referenten zu halten, ein paar Fragen nachzuschieben und vielleicht interessante Unterlagen zu kopieren, den Titel und Verlag von empfohlenen Büchern zu notieren, ebenso e-mail-Addressen und Visitenkarten einzusammeln.

Was Ihr tut, hängt natürlich von Eurem Fingespitzengefühl ab - zu den Berufstugenden eines Reporters gehört aber auf jeden Fall Neugier, Neugier, Neugier, und das selbst bei Sachen, über die man eigentlich schon alles weiß oder (schlimmer) gar nichts wissen will.


III. Schreibtips I

"Oh Gott, mir fällt nichts ein."

Ist völlig normal, auch unter Profis, und kein Grund zur Verzweiflung. Erst mal in Ruhe hinsetzten: Du warst gerade eben auf einer Veranstaltung, die vielleicht hundertzwanzig Minuten gedauert hat, und auf der zwei Drittel der in dieser Galaxis vorkommen den Gesprächsthemen erschöpfend diskutiert wurden. Und alles schwirrt im Kopf herum, oder?

Das beste Mittel dagegen ist der "Lead-Trick". "Lead" ist der Satz, der in Zeitschriften zumeist fett und in der Nähe des Titels einer Geschichte abgedruckt wird.

Ein Beispiel:

Titel: "Operation Heimweh"
Lead: "Während sich die Friedenstruppen aus aller Welt darauf vorbereiten, den Waffenstillstand in Bosnien zu sichern, plagt die deutschen Sanitäter im Bundeswehrlazarett bei Splitt ein ganz anderes Problem: Wie überwindet man den Trennungsschmerz von daheim?"
So ein Lead ist zumeist schneller geschrieben als der ganze Artikel, aber er ist fast schon die halbe Miete. Der Lead ist die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was für eine Geschichte willst Du uns erzählen? Journalismus ist zunächst einmal genau das: Geschichten erzählen, und zwar interessante, informative, witzige, spannende oder absurde, und mitunter leider auch langweilige Geschichten. Typische Fragen, die einen auf den guten Lead bringen können, lauten zum Beispiel: Die Antwort (ein Satz, höchstens zwei!) ist der Lead, und mit dem liegt der Rest der Geschichte fast schon fest - und dann kann man munter drauflos schreiben. Wenn die Geschichte gut gelungen ist, kann man vielleicht den Lead sogar nachträglich noch verbessern.

Also, zur Übung: Welcher Lead paßt zu Rotkäppchen? (Genau, das Märchen). Lösung am Ende.


IV. Schreibtips II

"Na, wie ist der Text so?"

Generell: Je schlichter geschrieben, desto besser ist ein journalistischer Text, und desto besser wirken auch witzige Bemerkungen, ironische Nebensätze und so weiter. Im Zweifelsfall gilt: Schreib', wie Du sprichst, denn die CCC-Pressestelle ist ja nicht die FAZ. Außerdem: Wir wollen ja nicht nur trocken informieren, ein Bißchen Spass sollte das alles (schreiben und lesen) ja wohl auch machen.

Ein Beispiel:

Schlecht: "Von Referentenseite wurde entgegnet, diese Auffassung sei nicht mehr zeitgemäß und mit den Bestimmungen des Datenschutzes nicht in Einklang zu bringen."

Besser also: "Der oberste Hamburger Datenschützer wies den Einwand glatt ab. Die Speicherung von Krankheitsdaten ist gemäß Paragraph 34 Bundesdatenschutzgesetz schlichtweg rechtswidrig."


V. Organisatorisches

"Wo ist meine Einheit?"

Wir hoffen, daß sich auch dieses Jahr wieder niemand überarbeitet. Wir brtauchen Euch als Reporter und fachkundige Journalistenherumschleuser, Gutelauneverbreiter und Ruhebewahrer.

Zu den Texten: wir werden diess Jahr ein einheitliches Format für unsere Texte verwenden, daß auf den schönen Namen HTML (Hypertext markup language") hört. Das braucht niemanden zu stören, der noch nie etwas von HTML gehört hat: Texte schreiben funktion iert mit jedem Text-Editor.

Wer möchte, kann allerdings schon Formatierungen in seine Text einfügen, was recht einfach ist: um das Wort "fett" fett darzustellen, reicht es, das Wort so einzurahmen: <strong>fett</strong>. Andere Codes sind zum Beispiel:

<h3>Überschrift</h3>
<i>kursiv</i>
Wer keine Codes einfügt, braucht sich nicht zu sorgen, das wird schon jemand erledigen. Der Tagesablauf in der Pressestelle ist erst mal wie folgt geplant:


Tagesablauf

9:30Redaktionsfrühstück: Verteilung der Themen, Besprechung der Pressekonferenz, Lob, Tadel, Kaffee & Brötchen.
ab ca. 10:00Danach ist erst einmal freie Zeiteinteilung; normalerweise berichtet jeder pro Tag von drei Veranstaltungen, außerdem gibt es noch ein paar weitere Augaben, siehe unten.
11:00
(bis 11:30)
Eine Pressekonferenz für die Journalisten; vielleicht wird der eine oder andere Chaosreporter da mitorganisieren [wollen].
Gegebenenfalls wollen wir vormittags auch gezielt Redaktionen anrufen, um sie auf bestimmte Veranstaltungen aufmerksam zu machen
10:00 bis 18:00Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten: Veranstaltungen abklappern, Referenten ausquetschen, Interviewpartner besorgen, Kamerateams herumführen, und so weiter
18:30Redaktionsabendessen; Ausblick auf den folgenden Tag, Textkritik. Eigenlob und so weiter...


Die Auflösung der Frage

Der Rotkäppchen-Lead

Gesucht war: ein Lead für Rotkäppchen, das Märchen.

Möglich ist zum Beispiel:
Eingriff in letzter Minute: Heroischer Förster befreit Rentnerin und ihre Enkeltochter lebend aus dem Verdauungstrakt eines menschenfressenden Wolfes.
Oder:
Artgerechte Ernährung wird immer schwieriger: Schon wieder ein Fall von barbarischer Tierquälerei durch Forstangestellte an einem vom Aussterben bedrohten Menschenfresser-Wolf.

Oder:
Entführung aufgeklärt: Nach Waldspaziergang verschwundenes Mädchen in dramatischer Rettungsaktion aus Wolfsmagen geborgen.
Durch diese Beispiele sollte zweierlei deutlich werden:

  1. Der Lead bestimmt die Richtung der ganzen Geschichte.
  2. Es gibt nicht "den richtigen Lead".


Michael Rademacher, 23.12.1995