Kompatibilität zwischen virtuellen Realitäten und der tatsächlichen Wirklichkeit.

Der Vortrag von Andy Müller-Maguhn basierte auf Überlegungen, die er nach einem Zusammentreffen zwischen dem CCC und einem 19jährigen Computerfreak mit dem Pseudonym 'Tron' angestellt hatte.

Dieser 'Tron' beschäftigte sich seit seinem neunten Lebensjahr mit Elektonik. Aufmerksam wurde der CCC auf 'Tron' nach einem etwas merkwürdigen Zusammentreffen zwischen 'Tron' und der Justiz. 'Tron' wurde dabei ertappt, wie er mit einem Vorschlaghammer auf ein Kartentelefon einschlug - was deswegen etwas verwunderlich ist, da es in einem Kartentelefon kein Geld zu holen gibt. Als ihn die zufällig vorbeikommenden Ordnungshüter darauf ansprachen, was er denn da tun würde, zog er eine Telefonkarte aus der Tasche und sagte ganz unumwunden, daß er doch das neue Eprom bräuchte, um mit seiner Hardwareentwicklung zum Thema Chipkartentechnik voranzukommen; er verstand gar nicht, daß das gewisse Leute wohl nicht in Ordnung finden.

Diese Version der Geschichte ist zwar deutlich überspitzt, macht aber sehr schön deutlich, wie stark die verschiedenen Realitäten differieren. Der CCC nahm nach diesen Geschehnissen - es wurde über diesen Sachverhalt in den Printmedien berichtet - mit 'Tron' Kontakt auf. Bei den anschließenden Treffen wurde schnell klar, daß 'Tron' auf dem Gebiet der Elektonik einen durchaus ernstzunehmenden Grad an Kompetenz aufweisen kann, daß es allerdings mit dem Verständnis der grundsätzlichen zwischenmenschlichen Umgangsnormen an allen Ecken und Enden haperte.

Nach diesem Zusammentreffen, machte sich Andy Müller-Maguhn einige Gedanken darüber, was nun eigentlich der Unterschied zwischen den virtuellen Realität und der tatsächlichen Wirklichkeit ist und wodurch diese beiden 'Wirklichkeiten' mit einander verbunden sind.

Die tatsächliche Realität zeichnet sich dadurch aus, daß sie materieller Natur ist; sie ist für jeden einzelnen lokal beschränkt und läuft in 'Echtzeit' ab. Wir alle unterliegen natürlichen Gesetzen wie zum Beispiel der Schwerkraft, wir brauchen alle Luft zum Atmen, regelmäßig zu trinken und zu essen und unterliegen all den anderen menschlichen Bedürfnissen. Nicht zuletzt - und das ist das Beste an der ganzen Sache - ist die Wirklichkeit zu 100% interaktiv. Diese Wirklichkeit ist wahr, wir sind alle ein Teil von ihr, bestimmen sie und diskutieren nur deswegen über sie, weil jeder seine ganz persönliche - eben virtuelle - Realität hat.

Die virtuellen Realitäten sind subjektive, nicht materielle und im Prinzip - wie das Adjektiv 'virtuell' zeigt - nicht real existierende Abbilder der Wirklichkeit. Die Grenzen dieses Cyberspaces zieht allein der menschliche Verstand und das menschliche Vorstellungsvermögen. Dadurch wird die virtuelle Realität zugleich global und lokal, zeitverschoben und in Echtzeit - das Problem mit der Interaktivität ist zur Zeit nur in Ansätzen gelöst.

Die Verbindung zwischen diesen verschiedene Realitäten - der tatsächlichen und den virtuellen - besteht aus Informationen. Man braucht Informationen über die tatsächliche Realität, um sich seine ganz persönliche virtuelle Realität aufzubauen und sich durch sie im Alltag - der 'harten' Wirklichkeit - möglichst effizient durchschlagen zu können.

Diese Informationen, die unsere persönlichen virtuellen Realitäten entscheidend formen, unterliegen nun vielen unterschiedlichen Einflüssen. Die wesentlichsten sind wohl die Manipulation von Informationen und die Selektion der relevanten Informationen.

Informationen sind manipulierbar, und das trifft besonders auf Informationen zu, die von Informationsmonopolisten verbreitet oder eben auch nicht verbreitet werden. Ein sehr aktuelles Beispiel ist das Verschweigen der täglichen Demonstrationen in Serbien durch die Regierung. Oder als weiteres Beispiel: Wie sicher sind Sie, daß die Amerikaner wirklich auf dem Mond gelandet sind? Hätte das nicht alles auch in einem Filmstudio in einer Wüste in der USA gedreht und anschließend manipuliert werden können? Ich möchte hier keine Verschwörungstheorien verbreiten, aber eins ist sicher: es ist ja schon schwer genug, aus gewissenhaft recherchierten und verbreiteten Informationen für sich die richtigen Schlüsse zu ziehen und dadurch seine persönliche virtuelle Realität auf den aktuellsten Stand zu bringen. Bei manipulierten Informationen ist das jedenfalls unmöglich.

Der zweite Faktor, der die persönliche virtuelle Realität maßgeblich beeinflußt, ist die Selektion der verfügbaren Informationen. Wenn sich jemand für spezielle Themen interessiert, wird er sich ganz gezielt mit Informationen zu diesem Thema versorgen und im Gegenzug Informationen, die er für nicht so wichtig erachtet, eher ignorieren. Dies beeinflußt ganz klar dessen persönliche virtuelle Realität.

Um auf 'Tron' zurückzukommen: 'Tron' hat sich offenbar so einseitig mit Informationen versorgt, daß seine persönliche virtuelle Realität nur noch ganz wenige Berührungspunkte mit der tatsächliche Wirklichkeit - oder zumindest mit dem, was wir darunter verstehen - hatte.

Steve Pernar.