Privatisierung und Rationalisierung beim Postdienst führten in den letzten Jahren zur Schließung tausender Postämter. 1993
wurden allein in Hannover 11 der 49 Postaemter geschlossen, so auch das Postamt im Stadtteil Sahlkamp. Dort leben gut
15 000 Einwohner, darunter viele ältere Menschen. Die Betroffenen ließen sich das nicht gefallen und gründeten eine
Bürgerinitiative für den Erhalt ihres Postamtes.
Neben einer Unterschriftensammlung, die binnen vier Wochen über tausend Menschen unterstützten, intervenierte man beim
Vorstand der Post und bei der Stadtverwaltung. Auch die Postbank war betroffen. Denn nicht nur ältere Menschen, die
bisher ihre Rente beim Postamt holten, kündigten ihre Postbankkonten. Neben der Öffentlichkeitsarbeit wurde versucht, auf
dem Wege des Verwaltungsrechtes die Schließung zu verhindern. Das half ebenso wenig wie eine Petition an den
Niedersächsischen Landtag.
Ein gutes Vierteljahr später gründeten Bürger den Verein "Selbsthilfe Sahlkamp e.V" und eröffneten am 18.04.94 ihre
"Bürgerpost" in einem Container vor dem ehemaligen Postamt. Ein pensionierter erfahrener Postbeamter sowie etliche
freiwillige Helfer organisierten den Bürgerpostbetrieb. Gerade fuer ältere Leute im Viertel war es einfacher, besonders die
Pakete so ortsnah wie bisher wegbringen zu können. Finanziert wird das Ganze - neben der Unterstützung von
Geschäftsleuten aus dem Viertel - durch einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 5 DM.
Wer mit dem Bus zu einem "richtigen" Postamt fährt, zahlt hin und zurück 6,20 DM. Damit war es bereits bei einer solchen
Fahrt zum Postamt pro Monat günstiger, Mitglied der Bürgerpost zu sein. Parallel zu den Selbsthilfe-Aktionen wurde weiter
versucht, eine Wiederöffnung des Postamtes zu erreichen. Unter dem Motto "EMiMo" traf man sich jeden ersten Mittwoch
im Monat um 15 Uhr vor der Hauptpost. Mit dabei waren BürgerInnen aus anderen Stadteilen, in denen ebenfalls
Poststellen geschlossen wurden.
Die Deutsche Post AG räumte zwar ein, die Schließungen seien "insgesamt keine gute Lösung", blieb aber im realen Tun stur. Verschiedene TV-Sender berichteten vom Konflikt, so bereits am 30.06.94 NDR3 Hallo Niedersachsen. Auch die "Hintergrundarbeit" der Bürgerinitiative lief weiter. Dabei wurde die "Organisationsrichtlinie" der Post entdeckt, die 1981 im Bundestag vorlag. Darin verpflichtete sich die Post, "flächendeckend angemessene und ausreichende Dienstleistungen zu erbringen". Eine Post muß in "erreichbarer Nähe" sein - in der Regel nicht mehr als 2000 Meter vom Wohnsitz entfernt. Nicht zuletzt der Lobbyarbeit der engagierten Bürger in Sahlkamp ist es zu verdanken, daß diese Entfernungsangabe in die ab 1.1.1996 geltende Postkundenschutzverordnung Eingang fand - leider nicht ins Gesetz.
Eine spontane Feier wurde organisiert, als es am 07.02.96 hieß: "Post gibt nach - Sahlkamp erhält Filiale zurück". Am 18.10.1996 waren die Bürger schon drei Jahre ohne Post vor Ort, konnten aber 2 1/2 Jahre "Bürgerpost" feiern. Für 1997 gibt es weitere Pläne. Im Januar werden vorbereitete Briefe an den Präsidenten der Deutschen Post AG, Herrn Meyer, geschickt. Da am 07.02.1997 die Zusage auf Wiederöffnung einjähriges Theoriejubiläum feiert, findet um 16 Uhr vor dem Hauptpostamt Hannover eine Kundgebung statt. Für den März ist ein Kindermalwettbewerb geplant. Für den 18. April, den dritten Jahrestag der Bürgerpost-Gründung, wird das Ergebnis des Malwettbewerbes in der Grundschule Hägewiesen bekanntgegeben.
Auf dem Chaos Communication Congress 1996 wurde angeregt, die Erfahrungen der Bürgerpost in einer kleinen Broschüre zusammenzufassen, damit andere daraus Nutzen ziehen können. Geplant ist, auf dem WWW-Server des FoeBuD in Bielefeld den verschiedenen Bürgerpost-Initiativen Gelegenheit zur Information über die weitere Entwicklung zu geben. Denn absehbar ist die Schließung weiterer tausender Poststellen. In Zukunft werden wir für viele weitere Verbraucherrechte kämpfen müssen, denn nicht nur weitere Postämter sollen gestrichen werden...
Weitere Infos demnächst unter http://www.foebud.org