Das Bielefelder Emnid-Institut ermittelte, daß 40% der Bun desbürger noch gar nicht wis sen, wen sie am 27. September wählen sollen. Und am 6. September, 15 Uhr, kannjederimBunkerUlmenwall herausfinden, daß das auch ganz gut so ist.
Sonst nämlich funktionierte das Internet-Börsenspiel WahlStreet gar nicht, das Barbara Thöns, Ex-Vorsitzende des Hamburger Chaos-Computer Clubs und jetzige Programmiererin in der Online-Redaktion der Zeit, dort vorstellt.
Vermutlich auch Partei-Vertretern. Der einzigen etwa mit einem
Bielefelder Ortsverein im WWW
(SPD) Der, die von ihrer Bundeszentrale aus keinen Weg nach Bielefeld
kennt (Grüne - aber es klappt vom
Landtag aus). Der, die mit einem rol
lenden 16-Tonner-Internet-Café
gleich zweimal an Bielefeld vorbei
fuhr (FDP). Oder
der, die soviel Welt
klasse Schnickschnack auf ihre
Homepage packte,
daß ihr lokaler
Kandidat vor lauter
Fehlermeldungen
unerreichbar blieb (CDU).
Vor allem aber Netz-Benutzern, die sowiso ganz andere Bedürfnisse haben als normale Wahlbürger.
Lars Hinrichs und Peer-Arne Bötteher zum Beispiel. Die wollten eigentlich nur die vorsorglich reservierte Adresse wahlkampf98.de an eine Partei verkaufen. Aber keine biß an. Also machten sie selbst was: einen Supermarkt der Meinungen, der, nach eigenen Angaben, inzwischen häufiger besucht wird, als alle off iziellen Parteiseiten zusammen.
Trendige Netz-Design-Agenturen halfen den jungen Hamburgern, die edle (und weniger edle) Presse stellte ihre eigene Wahlkampf-Berichterstattung zur Verfügung, Excite stiftete eine spezielle politische Suchmaschine ... und eine virtuelle Wahlkabine gibt es auch, in der man monatlich online 1 aus 92 Parteien probewählen kann. Mit dem nicht ganz repräsentativen Ergebnis: SPD 18% CDU 14%, Grüne 13%, FDP 10%. Der Rest entfällt auf kuriose Gruppierungen wie "Die Unregierbaren".
Dafür fließt inzwischen Geld. Hochmoderne Werbe-Banner lernen, wo und vom wem sie am liebsten angeklickt werden. Da erscheinen sie dann noch häufiger. Parteien-Werbung aber verbietet sich die unabhängige Firma selbst.
Die wirkte eh nicht bei der Phrasendreschmaschine des Spaß-Programmierers Hanno Müller. Die kaute alle online verfügbaren Wahlplattformen textstatistisch durch - und kann nun auf Wunsch Bierzelt-Reden aus beliebiger Richtung (incl. einer nur rechnergestützt möglichen CDU-PDS-Koalition) ausspucken. Nicht immer grammatikalisch korrekt, aber interessant genug, sagt Müller, daß die echten Parteien regelmäßg vorbeischauen.
Ernsthafter gehts bei der Uni Passau zu. Dort schrieb der Politikwissenschaftler Winand Gellner Wahlprogramme zum Multiple-Choice-Test um. Jeden Tag werden neue Kernsätze zu den brennenden Fragen der Zeit anonym präsentiert, die User clecken an, was ihnen am meisten zusagt - und das Ergebnis überrascht die meisten: kaum jemand wollte vorher die Partei wählen, deren Programm er nachher zustimmt. Ob solche Aufklärung aber den Ausgang beeinflußt? Das erforschen die Passauer dann ab Herbst. Schon seit Monaten dagegen erforscht Wahlstreet, nach amerikanische Vorbild, aber weltweit erstmals dieser Größe, wie man Prognose stellt, ohne sich überhaupt um Inhalte zu kümmern. Schließlich hängt auch weder der Wahlausgang noc die einzelne Entscheidung nachvollziehbar von Inhalten ab. Aber beide läßt sich erstaunlich gut mit eine Art künstlichen Marktwirtschaft vorwegnehmen.
Zwar auch nur mit nicht-repräsentativen
Cyber-Bürgern (max. 6 Millionen neu zur Zeit) aber mit echtem Geld Für 10 Mark Eintritt kriegt man je eine Aktie aller zur Wahl stehende Parteien. Und kriegt, wenn man nichts tut, am Wahlabend 1 Groschen scheu pro amtlichem Prozentpunkte ausgezahlt. Ein Nullsummenspiel.
Man sollte aber "billiger" ein- und "teurer" verkaufen als es ausgeht Und an jedem verdienen, der die Lage anders einschätzt. Zur Zeit etwa sind CDU und SPD für 40% fast unverkäuflich, Grüne tendieren wieder leicht erholt, PDS kann man schon für 4,5 kriegen ... aber das kann sie ja jeden Tag ändern.
Vielleicht wenn sich die Adresse der PDS (es ist nicht www.pds.de) weiter herumspräche. Oder falls de Bielefelder SPD-Kandidat Wendt ("das ist bisher nur ein Schnapsidee") doch noch zur virtuellen Grillparty lädt. Das Wetter wäre ja danach.
WING
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Ultimo, 07. September 1998